Otto Nebel

1892–1973

Maler und Dichter

Otto Nebel

1892–1973

Maler und Dichter

Otto Nebel – der Dichter

Sein literarisches Debüt, den Antikriegstext Zuginsfeld verfasste der 25-Jährige 1919 in der 14-monatigen englischen Kriegsgefangenschaft. Bereits hier beschreibt Nebel weder die eigene Kriegserfahrung noch dachte er sich eine anklagende Handlung aus wie dies in so vielen Romanen der Zeit geschieht. Anstelle dessen baute er aus dem sprachlichen Material des attackierten Milieus, in erster Linie des wilhelminischen Militarismus, eine Collage zusammen. Die Befehle, Parolen, Redensarten Volkslieder und so weiter werden zitiert, auseinandergenommen, verballhornt und neu zusammengesetzt. Sein Verfahren ist dasjenige des entlarvenden Zitats. «Das inhumane Porträt einer Gesellschaft erschliesst sich durch das bewusste Vorzeigen ihrer Wörter», schreibt Klaus Völker zum Zuginsfeld. Die 50 Illustrationen zum Text setzen dies auch bildlich um. Den Zuginsfeld trug Nebel in den 1920er Jahren zusammen mit Rudolf Blümner in Berlin und weiteren Städten Deutschlands vor grossem Publikum vor. Blümner war sein ehemaliger Schauspiellehrer, mit Lothar Schreyer der engste Mitarbeiter Herwarth Waldens und des Sturm. Die Wortkunsttheorie des Sturm insbesondere die Schriften Blümners waren für Nebel wegweisend. Blümner entwickelte einen eigenen Vortragsstil und erhob die Sprechkunst zur autonomen Kunstform. Seine Intention war eine abstrakte musikalische Wortkunst, eine eigentliche «Ohrenpoesie». An den Rezitationsabenden in der Galerie Sturm trat Nebel oft auch mit dem befreundeten Kurt Schwitters auf, der ebenfalls ein Schüler Blümners war, oder anderen Autoren.

 

Die Runenfuge

 

Im Zentrum von Nebels Sprachkritik, die Gesellschaftskritik ist, stand von Anfang an die Presse. Sie hatte die Kriegsbegeisterung geschürt, die den Grossteil der Bevölkerung und auch der literarischen Intelligenz ergriffen hatte. «Der verbildete Mensch unsrer Tage ist worttaub und bildblind. Was er liest, das hört er nicht. Was er schreibt, das sieht er nicht. [...] Mit der Zeit und mit der Zeitung hat er sich das Denken abgewöhnt.»

 

Auf der Suche nach einer unverbrauchten unkorrumpierten Sprache schuf er 1922 das Runenbuch Uns, unser, Er sie Es. Es enthielt den Text in deutscher Schreibschrift und dessen Umschrift in quadratische und runde Zeichen. Indem er jedem Buchstaben des Alphabets eine bestimmte Form und Farbe zuordnete, schuf er sich eine neue Schrift. Diese Schrift enthielt Ansätze zu einer Systemschrift. Das heisst, es gibt Entsprechungen zwischen Laut und Schriftbild, ähnliche Laute sind mit ähnlichen optischen Zeichen wiedergeben. Am offensichtlichsten wird dies in den runden Zeichen für die Vokale, den eckigen für die Konsonanten. Das Runenbuch zerstörte er 1951, da es eine überholte Vorstufe für die späteren Runenfugen war.

 

Die einmal entworfenen Zeichen behielt er jedoch für die Runenfugen bei. Er verwendete dieselben Zeichen 1924/1925 für die sogenannten «Runenfahnen» zu Unfeig. Eine Neun-Runen-Fuge zur Unzeit gegeigt. Die Runenfahnen hatten vorwiegend eine didaktische Funktion. Nebel pflegte sie bei Lesungen als Schautafeln aufzuhängen, um das Prinzip der Runenfuge zu visualisieren. Im Unterschied zum Runenbuch enthalten die Fahnen den Text in vier Codierungen. Eine Umschrift mit den Zeichen in Schwarz-Weiss und eine Umschrift der Buchstaben als reine Farbformen sind als Zwischenstufen eingeschaltet.

 

Die Runen-Fuge als praktisches und theoretisches Prinzip ist für Nebels literarisches Werk von zentraler Bedeutung. Der Rückbezug auf die Schriftzeichen der Germanen muss vor dem Hintergrund des Primitivismus der Avantgarde der 1920er Jahre gesehen werden. Die Impulse aus der primitiven Kunst gingen Hand in Hand mit der Reduktion auf minimale materielle Bestandteile. In der Runen-Fuge macht Nebel den einzelnen Buchstaben zum Ausgangspunkt des Schreibens. Sprache wird in ihre kleinsten Bestandteile, die Laute oder Buchstaben zerlegt. Die Rune ist nach Nebel ein maximal versinnlichter und für den Schriftsteller wie den Leser mit allen Sinnen zu erlebender Buchstabe. Die vitalistischen Begriffe des «Lebens» und «Erlebens» waren für die Künstler des Sturm-Kreises zentrale Kategorien. Deshalb sind die Runenfahnen mit einer Höhe von 2,5 Metern auch von überlebensgrossem Format. Die Runen sollen nicht nur seinen Kopf, sondern den ganzen Menschen erreichen. Die Fahnen setzen die Bildlichkeit der Runen in eine «grossmächtige Schau» um: «die Begegnung eines aufgerichteten Menschenleibes und Tänzers mit vier Riesen», auf die der Betrachter mit einer spontanen körperlichen Reaktion, einer Gebärde oder Tanzbewegung antwortet. Es geht also um eine physiologische Wirkung.

 

Der von der Musik auf die Literatur übertragene Begriff der «Fuge» steht für eine strenge, jede werkfremde Beteiligung ausschliessende Komposition. Zur Runenfuge wird sie durch die Beschränkung auf Buchstaben, die zu Beginn vorgegeben werden. In Unfeig sind dies U, E, I, N, F, G, Z, T, und R. Dieses eingeschränkte Alphabet gibt sich Nebel als Schreibregel vor und nennt es mit einem Vergleich aus der Malerei «das Mischbrett zur Urdichtung». Alle Wörter entstehen nur durch Umstellung der zu Beginn gewählten Buchstaben. Die Runenfuge besteht also aus lauter freien Anagrammen. Nebels letzte Runenfuge, Sternendonner, deren erste Entwürfe von 1959 datieren, blieb Fragment. Die in einem Gitter angeordneten Buchstaben nennt der ehemalige Bauzeichner Nebel auch «Grundrisse». Die fünf Vokale und elf Konsonanten sind im ersten Grundriss nach ihrer Stellung im Alphabet aufgeführt. Zugelassen sind auch die Zusammensetzungen zu Umlauten und Diphtongen. Jedem Buchstaben ist zusätzlich eine Farbe zugeteilt. Die Zuweisung von Farben zu den Lauten geschah in Auseinandersetzung mit der Lehre von Gertrud Grunow. Grunow unterrichtete am Bauhaus Weimar und wurde dabei von Nebels späterer Frau Hildegard Heitmeyer assistiert. Zentral in der Grunow-Lehre sind zwei Aspekte. Erstens kommen Farbe und Klang eine unmittelbare eigenständige Wirkung zu. Zweitens wird in der Zwölfordnung der Töne und Farben wie in der zur gleichen Zeit entstehenden Zwölf-Ton-Musik die Idee verwirklicht, damit das gesamte hör- und sichtbare Universum bilden zu können.

 

Der Dichter soll sich nach Nebel der Eigendynamik des Gestaltungsprozesses und des Materials unterwerfen. Es ist deshalb auch der mittelalterliche Schreiber oder Kopist, der als Ideal des Schriftstellers aufscheint. «Der beste Schriftsteller behält damit immerfort die ungewöhnlich sinnreiche Möglichkeit; selber als Gestalt schier gar nicht in die Erscheinung und gar nicht in irgendeinen sogenannten Vordergrund zu treten; – hingegen darf er sich hinter dem gelungenen Wortwerke mit dem stillen Wissen befreunden, dass er wahrlich nur ein kleiner Reinschrift-Schreiber im Dienste eines sehr vornehmen Urhebers bleibt [...]». Dieser sehr vornehme Urheber ist die Sprache selbst. Angestrebt wird eine überindividuelle zeitlose Kunst.

 

Nebels Runenfugen sind Vorformen der permutativen Texte von literarischen Gruppierungen wie der Stuttgarter Gruppe, der Wiener Gruppe und Oulipo. Die Aktualität solcher Permutationen zeigte sich auch im Zusammenhang mit neuen Medientechnologien. In digitalen Text- bzw. Poesiemaschinen fanden sie zu neuer Blüte.
Auch in seinem aphoristischen und theoretischen Werk hat Nebel mit kombinatorischen Verfahren gearbeitet. Seine Texte schrieb er immer wieder um und montierte ganze Passagen neu zusammen. In Kästchen sammelte er neben Zetteln mit eigenen meist handschriftlichen Aphorismen ausgeschnittene Kalenderzitate von Autoren wie Nietzsche und Karl Kraus, die ihm wichtig waren. Es kann insofern als Modell für Intertextualität, dafür, wie Literatur sich aus Literatur speist, als Einschreiben in den literarischen Kanon gelesen werden. Es zeigt jedoch auch, dass der Aphorismus nicht als Einzeltext konzipiert war. Die lose Form eröffnete fast unbegrenzte Möglichkeiten der Textkombination.

 

Bettina Braun

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